transgenialer CSD 2006 – Redebeitrag

JA, Guten Tag erst mal, liebe Queers:

ich bin von der anarchistischen föderation in berlin und verlese hier ein grußwort!

wollen die anarchistInnen die republik ins chaos stürzen ?

in tiefer nacht, wenn die lichter der laternen die dunklen winkel nicht mehr erreichen, und die fassaden lange schatten werfen, gehen mysteriøse, schreckliche dinge vor.
durch die schlafende stadt huschen schwarzgekleidete gestalten mit tief in die fanatischen fratzen gezogenen schlapphüten und dämonischen sturmhauben.
sie unterminieren das friedliche gemeinwesen, verstecken gefährliches material und schreiben ihr schwarzes menetekel an die mauern.
weite umhänge und jacken verhüllen mühsam die waffenstarrende ausrüstung.
sprengstoff beult die taschen der düsteren gestalten.

leise ächzend werden schwere kisten voll waffen und munition in geheime keller und schlupfwinkel geschleppt, in denen verschwørerInnen tag und nacht, aufgeputscht von drogen, finstere, subversive pläne schmieden und am sturz der regierung arbeiten.
sie bereiten ihn vor, den großen schlag, den tag X.
an dem sie das feuer an die lunten legen, die zünder aktivieren und das teuflische werk zu vollenden trachten: die zerstørung jeder ordnung, den ausbruch des fürchterlichen gesetzlosen chaos‘, die willkürherrschaft der wirrkøpfe, plünderung, terror, mord und totschlag allenthalben … die grausamen, die wahnsinnigen anarchistInnen!

Das stimmt nicht alles – aber eines ist sicher:

Wir sind wirklich wahnsinnig !

Wir haben die wahnsinnige Vorstellung einer weltweiten Gemeinschaft ohne Zwang

Wir haben die verrückte Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft

Mensch sagt

Wer mit 18 nicht revolutionär ist, hat kein Herz
Wer mit 30 noch revolutionär ist, keinen Verstand

Wir sagen:

Wer mit 18 nicht sozialrevolutionär ist, ist spießig
Wer mit 30 nicht revolutionär ist, ist immer noch spießig! Und er hat weder Herz noch Verstand.

Deshalb haben wir uns am 1. Mai diesen Jahres zusammengefunden, um die anarchistische Förderation in Berlin zu gründen, die an keinem geringeren ziel mithelfen will als an der Errichtung einer auf freiwilligkeit und hierarchielosigkeit basierenden Ordnung, in der jeder Mensch gleich wichtig ist.

Vielleicht mögen einem manche Menschen wichtiger oder präsenter vorkommen, vor allem die, die das sagen haben oder den politischen diskurs bestimmen, der nichts weiter will, als den kapitalismus zu neuen höchstleistungen der menschlichen verwertung zu treiben und dabei rassistisch denkt, dabei sexistisch handelt.

Präsent sind wir aber schon heute, dass merkt eineR der herrschenden dann, wenn er auf dem selben Platz stehen will wie ich,

und der mainstream mit seinem commercial street day merkt, wenn er sich auf den schwulesbitransplatz, den politischen platz stellen will, den Platz des Stonewall-Inn-Riots einnehmen will:
Dort, meine damen und herrInnen, steht schon wer – der transgeniale csd.
der einzig echte wahre und dieses jahr einzige csd!

Und genau so soll irgendwann die bundeskanzlerin etwas regeln wollen und feststellen: mensch, da steht ja schon wer!
Da ist ja schon alles geregelt! Die leute haben sich selbst organisiert!

Falls sich also wer angesprochen fühlt vom libertären gedanken, wir suchen noch dringend anarchafeministInnen, SyndikalistInnen, kommunistische AnarchistInnen, PostanarchistInnen, Punks, Hippies, Libertäre, Genderkiller, und alle anderen, die keine Herrschaft mögen
zum mitmachen in der anarchistischen föderation!

Die übrigens hiermit noch mal klarstellen will, dass sie unterstützt, was hier passiert und was überall passieren soll, in warschau, moskau, hong kong und dallas, in teheran und überall sonst auf der welt:
zerstørung jeder ordnung, ausbruch fürchterlichen gesetzlosen chaos‘, willkürherrschaft der wirrkøpfe, plünderung, terror, mord totschlag … die grausame, die wahnsinnige

QUEEER REVOLUTION !

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21 Antworten auf “transgenialer CSD 2006 – Redebeitrag”


  1. 1 MPunkt 24. Juni 2006 um 9:34 Uhr

    Und genau so soll irgendwann die bundeskanzlerin etwas regeln wollen und feststellen: mensch, da steht ja schon wer!
    Da ist ja schon alles geregelt! Die leute haben sich selbst organisiert!

    Die haben dann schon ganz selbstbestimmt das Arbeitslosengeld gekürzt, Krieg geführt usw.??? Ihr macht da doch (mindestens) vier entscheidende Fehler:

    1.) Ist es doch gar nicht so, dass alles schrecklich ungeregelt herumliegen würde und nur weil es kein anderer macht, regelt der Staat es dann. Der stellt sich doch vielmehr _genau diese_ Ordnung hin, weil er sie so will. Das betrifft sowohl so grundlegende Sachen wie das Eigentumsrecht, womit er die Gesellschaft auf Kapitalismus verpflichtet, als auch Kartellrecht, Umwelt- und Arbeitsschutzgesetze, Sozialstaat, Strafrecht etc., wo er den Kapitalismus gegen für ihn schädliche Konsequenzen des Eigentumsrechts schützt.

    2.) Wenn man, wie Ihr z.B. von Euch behauptet, den Kapitalismus abschaffen will, warum sollte man dann darauf hoffen, dass die Leute dessen permanente Einrichtung durch den Staat selbst in die Hand nehmen, also _genau das Gleiche_ machen wie der Staat nur eben „selbstorganistiert?

    3.) Die unter 1. angesprochenen Regelungen zum Erhalt des Kapitalismus gegen die dafür unerwünschten Konsequenzen des Eigentums bedingen begrifflich doch gerade einen Gewaltmonopolisten, der _über_ den bürgerlichen Konkurrenzsubjekten steht. Schließlich sind diese _Einschränkungen_ in ihrer Konkurrenz ums Eigentum und wieso sollte ein Konkurrenzsubjekt sich selbst Einschränkungen auferlegen und sich dann auch noch an diese halten?

    (Zur Vermeidung von Missverständnissen: Konkurrenzsubjekte ums Eigentums sind sie wie gesagt, weil der Staat sie darauf verpflichtet hat. Und weil dieser vor ihnen schon da ist, sind auch die von ihm vorgenommenen Einschränkungen der Konkurrenz schon vor ihnen da. Dazu positiv stellen können sie sich dann schon, allerdings _abstrahieren_ sie, zwecks Affirmation der vorgefundenen Verhältnisse, ein wenig von ihrem Konkurrenzstandpunkt und stellen sich zusätzlich moralisch auf den Standpunkt der Allgemeinheit: „Wenn das jeder machen würde!“ Sie stimmen also auch der eigenen Einschränkung in der Konkurrenz zu, weil sie sich ideell auf den staatlichen Standpunkt des Gelingens des Kapitalismus stellen. Rein als Konkurrenzsubjekt hingegen wollen sie lediglich die Einschränkung der anderen.)

    4.) Warum sollte man denn überhaupt wollen, dass sich die Leute, die sich positiv zu dieser Gesellschaft, die man doch abschaffen will, selbstorganisieren um die Dinge zu regeln? Selbst wenn sie das machen würden (auch wenn es nach dem Ausgeführten klar sein sollte, dass das auch nicht geht): dann würden sie eben selbstorganisiert die gleiche alte Scheiße reproduzieren. Wer wählen geht, damit der Politiker an die Macht kommt, den man es am Besten zutraut, das staatliche Geschäft zu betreiben (oder es bleiben lässt, weil man das[!] keinem der Politiker zutraut), der hat doch auch keine anderen Zwecke, wenn er das selbst regeln würde. Und was hätte man damit bitte gekonnt? Ihr lügt da den _inhaltlichen Gegensatz_ zu den Leuten schlicht weg, wenn ihr so tut(!) als wäret Ihr Euch mit denen schon _inhaltlich_ einig und jetzt käme es nur noch darauf an, dass diese inhaltliche Einigkeit qua Selbstorganisation auch praktisch wird …

  2. 2 Leser*innenbrief 29. Juni 2006 um 20:08 Uhr

    Hallo,

    ich werde den Verdacht nicht los, dass der (wie ich
    finde) arrogant auftretende „MPunkt“ die Idee der
    Selbstorganisation bei der Gelegenheit gleich generall aufs
    Korn nimmt. Bei einem Kommunisten kein Wunder …

    Wieso sollten die selbst organisierten Libertären
    Arbeitslosengeld kürzen, Krieg führen oder
    „selbstorganisiert die gleiche alte Scheiße
    reproduzieren“? Tztztz …

    Wieso soll der Staat alles geregelt haben? In Wirklichkeit
    zieht sich doch der Staat aus allen möglichen Bereichen
    zurück. Das verschärft einerseits die soziale Frage,
    andererseits bietet sich auch eine Chance für die
    Libertären: Wenn die Illusion weg ist, der Staat werde es
    schon richten, hilft nur, das Schicksal in die eigene Hand
    zu nehmen. Dies als Bejahung der herrschenden Zustände
    umzudeuten, ist schon stark.

  3. 3 MPunkt 29. Juni 2006 um 22:40 Uhr

    ich werde den Verdacht nicht los, dass der (wie ich
    finde) arrogant auftretende “MPunkt” die Idee der
    Selbstorganisation bei der Gelegenheit gleich generall aufs
    Korn nimmt. Bei einem Kommunisten kein Wunder …

    1.) Arrogant, böserböser Kommie etc. sind gar keine inhaltlichen Einwände gegen meine Kritik, sondern sollen mich persönlich denunzieren, damit man gar nicht mehr auf diese eingehen muss. Lasse doch bitte so etwas zukünftig.

    2.) Selbstverständlich habe ich eine prinzipielle Kritik an der Selbstorganisation, oder genauer: an der Betonung ihrer als entscheidendes Kriterium – weil es als solches bloß formal und nicht inhaltlich ist. Ob sie selbstorganisiert betrieben wird, sagt doch gar nix darüber aus, ob die so betriebene Sache etwas taugt. Um mal ein krasses Beispiel zu bringen: Die Glatzen in den ostdeutschen No-Go-Areas betreiben ihre Negerverprügelei auch ganz selbstorganisiert. Anders herum: wenn eine Sache mir etwas taugt, kann es mir doch nur recht sein, wenn andere sie für mich organisieren. Wenn Freunde mir ein leckeres Essen organisieren, dann habe ich es nicht selbst organisiert – na und? Wenn eine Sache etwas (für mich) taugt und sie niemand anders organisiert, ja dann muss ich sie eben selbst organisieren (soweit ich dazu in der Lage bin). In diesem Fall ist Selbstorganisation jedoch eine pure Notwendigkeit und nichts, was man loben müsste.

    Wieso sollten die selbst organisierten Libertären
    Arbeitslosengeld kürzen, Krieg führen oder
    “selbstorganisiert die gleiche alte Scheiße
    reproduzieren”? Tztztz …

    3.) Im von mir kritisierten Zitat ging es gar nicht um die organisierten Libertären, sondern um die Leute und – was dann auch einigermaßen konsequent ist – dass die dem Staat alles wegorganisieren sollen. Konsequent deshalb, weil Leute, welche den Maßnahmen des Staates z.B. durch Wählen (oder Nicht-Wählen aus den verkehrten Gründen) ihre Zustimmung geben, auch selbstorganisiert nichts anderes machen, weil sich ihre Zwecke doch gar nicht dadurch ändern würden , dass sie die selbstorganisiert verfolgen. (Und genau das ist die Lüge der Anarchos, wenn sie die Selbstorganisation so hochhalten. Sie tun da nämlich so, als wären die Leute alle schon Anarchos und nur der Staat würde sie davon abhalten, auch als solche zu handeln, woraus dann ihr „Staat weg, damit die Leute endlich anarchistisch handeln (können)“ folgt. Als hätten die das gerade vor!)

    4.) Nenne es von mir aus arrogant, wenn Du es partout nicht lassen kannst, aber ich habe alles dazu nötige bereits in meinem erstem Kommentar ausgeführt. Gehe doch einfach mal darauf ein …

    Wieso soll der Staat alles geregelt haben? In Wirklichkeit
    zieht sich doch der Staat aus allen möglichen Bereichen
    zurück.

    5.) Das stimmt so prinzipiell einfach nicht. Erstens mal ändert der an den beschriebenen Grundregelungen gar nix. Der herrscht seiner Gesellschaft weiterhin eine Privateigentumsordnung auf und verbietet ihr auch nach wie vor Konkurrenzmittel ums Eigentum, die er für einen funktionierenden Kapitalismus für schädlich befindet (z.B. private Gewaltanwendung; nicht umsonst legt er großen Wert darauf, Gewaltmonopolist zu sein). Auch aus der „sozialen Sicherung“ zieht sich der Staat nicht zurück, sondern er *regelt* sie neu. In „Fordern(!) und Fördern(!) (wer ist dafür wohl zuständig?) ausgerechnet einen Rückzug des Staates zu entdecken, zeugt schon von einer enormen Wahrnehmungsstörung. Und auch global ziehen sich entgegen des Gefasels der Globalisierungskritiker die Staaten nicht zurück, sind es doch gerade sie, welche die ganzen Handelsverträge miteinander abschließen und so nicht etwa keine Regelungen für das Kapital, sondern andere schaffen. Wo sie sich zurückziehen, ist vielleicht irgendwelcher Kulturkram, aber was ändert das gesellschaftlich?

    Das verschärft einerseits die soziale Frage,
    andererseits bietet sich auch eine Chance für die
    Libertären: Wenn die Illusion weg ist, der Staat werde es
    schon richten, hilft nur, das Schicksal in die eigene Hand
    zu nehmen.

    6.) Wo der Staat sich zurückzieht, ist es letztlich auch egal, ob man das, was ihm nicht mehr wichtig genug ist, in Eigenorganisation weiterzubetreiben versucht. Wenn der Staat die Schauspieler eines Kleinstadttheaters nicht mehr bezahlen mag, kann man selbstverständlich eine Laienspieltruppe aufstellen. Na und? Da betreibt man das, was der Staat will – dass er es prinzipiell schätzt, ist darin übrigens immer noch enthalten, dass er kein Geld mehr dafür einsetzen will, nur schätzt er es dafür *nicht genug* – hier z.B., den Standort auch über ein Kulturangebot attraktiv zu machen, ehrenamtlich anstatt seiner. Na ganz toll …

    7.) Das „Schicksal in die eigene Hand nehmen“ *muss* man doch gerade, weil der Staat eine Eigentumsordnung und eine Konkurrenz aufherrscht. Da muss man sich halt permanent darum kümmern, in der Konkurrenz zu bestehen, damit man nicht in einer völligen Elendsexistenz landet. Ich wäre ja sehr dafür, genau das abzuschaffen.

    Dies als Bejahung der herrschenden Zustände
    umzudeuten, ist schon stark.

    8.) Ich habe der AFB nicht vorgeworfen, dass sie die herrschenden Zustände affirmiert, sondern dass es eine *verkehrte* Kritik an dieser Gesellschaft ist, die mangele Selbstorganisation in ihr zu beklagen und dass es daher auch ein untaugliches Mittel gegen sie ist, die Leute so ganz unabhängig von den Inhalten zur Selbstorganisation aufzufordern.

  4. 4 Administrator 02. Juli 2006 um 21:11 Uhr

    nochn Leserbrief:

    das eigentlich kritikwürdige an mpunkts ausführungen ist doch dass er sich in „typischer kommimanier“ auf einen punkt (hier das prinzip der selbstorganisation) stürzt und daran seine grundsätzliche kritik am anarchismus festmacht.eigentlich läuft diese kritik aber total ins leere weil selbstorganisation im anarchismus natürlich nicht inhalts- bzw. prinzipienlos ist sondern „natürlich“ immer im zusammenhang mit der zielstellung des herrschaftslosen zusammenlebens zu sehen ist .dies einfach auszuklammern und hier noch das ziemlich fiese beispiel der selbstorganisierten nazibanden zu bringen ist in der tat …naja ich will es mal verwerflich nennen;)…aber das sollte mensch wahrscheinlich auch einfach sportlich sehen…im wettstreit der ideen sozusagen…

  5. 5 MPunkt 02. Juli 2006 um 22:39 Uhr

    das eigentlich kritikwürdige an mpunkts ausführungen ist doch dass er sich in “typischer kommimanier” auf einen punkt (hier das prinzip der selbstorganisation) stürzt und daran seine grundsätzliche kritik am anarchismus festmacht.

    Naja, aber da kann ich doch nix dafür, wenn Selbstorganisation ein zentraler Punkt des Anarchismus ist und man daher mit einer Kritik seiner auch gleich den Anarchismus als solchen kritisiert.

    eigentlich läuft diese kritik aber total ins leere weil selbstorganisation im anarchismus natürlich nicht inhalts- bzw. prinzipienlos ist sondern “natürlich” immer im zusammenhang mit der zielstellung des herrschaftslosen zusammenlebens zu sehen ist.

    Also noch einmal. Wenn die AFB schreibt: „Und genau so soll irgendwann die bundeskanzlerin etwas regeln wollen und feststellen: mensch, da steht ja schon wer!
    Da ist ja schon alles geregelt! Die leute haben sich selbst organisiert!
    “, dann hat sie damit entweder – was ich mal annehme – gar keine Aussage zum Inhalt dessen, was da selbstorganisiert werden soll, gemacht (Hauptsache selbstorganisiert, ey!), oder sie will darauf hinaus, dass die Leute das Gleiche wie die Bundesregierung, nur eben ohne diese machen sollen. (Was wie gesagt nur konsequent wäre, wenn die Nationalisten sich als solche selbst organisieren [würden].)

    btw.: „Herrschaftsloses Zusammenleben sagt streng genommen auch erstmal nichts über die Inhalte aus (z.B. Bedürfnisbefriedigung), sondern ist lediglich eine formale Bestimmung. (Zugegebener Maßen wird dies dadurch etwas relativiert, dass dem Wunsch nach einem „herrschaftslosen Zusammenleben“ ja durchaus eine *inhaltliche* Herrschaftskritik zugrunde liegt/ liegen kann. Dann wären aber auch zu diskutieren, was Herrschaft ist und wie die inhaltliche Kritik an ihr geht, statt getrennt davon „Herrschaftslosigkeit“ als tollen Inhalt zu verkaufen.)

  6. 6 RBR 03. Juli 2006 um 11:35 Uhr

    @ MPunkt

    Du brauchst Dein oben gesagtes um kein Stück zurückzunehmen. Der Witz bei Anarchisten ist ja gerade der, dass die Selbstorganisation und Herrschaft als Gegensätze betrachten. D.h. einerseits Herrschaft, wo Menschen anderen ihnen fremde Interessen aufdrücken und dann dagegen Selbstorganisation, wo jeder Wille sich ohne Einschränkung seitens Mächtiger betätigen kann. Und da hast Du vollkommen recht, wenn Du sagst, dass so eine reine Formbestimmung von gesellschaftlicher Organisation gemacht ist und zu keinerlei Inhalt bzgl eines gesellschaftlichen Zweckes Stellung bezogen wird. M.a.W. Man kann den größten Scheiß selbst organisieren ohne Staatsgewalt. Oder eben etwas sehr angenehmes, das kommt auf den Inhalt dessen, was man organisiert an und nicht, dass man es selber tut.

    Die Anarchisten machen eben den Fehler, dass sie eine Identität von richtiger/vernünftiger Denke/Handlung unterstellen, wenn die Leute keinerlei Macht gegenübertreten. Denn dann denken/handeln sie „selbst“ (was schon nicht stimmt, weil sie vorher auch selbst handeln, aber andere Kalkulationsbedingungen haben unter Herrschaft) Und diese verkehrte unterstellte Kausalität von Abwesenheit von Herrschaft und richtigem Gedanken/Handeln sollte sich jeder Anarchist endlich mal aus dem Kopf streichen.

  7. 7 eigener 03. Juli 2006 um 13:25 Uhr

    Was du ansprichst, rbr, ist sozusagen der klassische Ansatz der Anarchisten des 19./20. Jahrhunderts … „sind die Ketten erst einmal gesprengt“. Die Anarchisten als anti-Hobbes.
    Allerdings hat sich die anarchistische Theorie – im Gegensatz zu mancherlei anderen linksradikalen Ansätzen – inzwischen längst vom Ursprung der sozialistischen Idee fortentwickelt. Der Rekurs auf drei blaue Bände ist im Anarchismus nicht möglich (auch wenn es vor der Trennung der Internationalen einen regen gedanklichen Austausch zwischen den kommunistischen Strömungen gab, den ich heute vermisse).
    Eine Anregung zum Einlesen in den zeitgenössischen Diskurs gibt die von mir verlinkte Website.
    Zudem handelt es sich bei dem Text um einen absichtlich kurzen und prägnanten Aufruf, der sich an eine Zuhörendenschaft wendet, die mit Sicherheit antinational, antipatriarchal, emanzipatrorisch und antisexistisch eingestellt ist. Die Voraussetzungen, dass sich diese Personen im gewünschten Sinn organisieren, nämlich sozialrevolutionär und nicht herrschaftsaffirmativ oder gar reaktionär, ist damit gegeben.

  8. 8 RBR 06. Juli 2006 um 9:15 Uhr

    Was du ansprichst, rbr, ist sozusagen der klassische Ansatz der Anarchisten des 19./20. Jahrhunderts … “sind die Ketten erst einmal gesprengt”. Die Anarchisten als anti-Hobbes.

    Also sind wir uns einig, dass deren inhaltlsleerer Selbstorganisationsbegriff bzw. deren Menschenbild verkehrt ist. Desweiteren gibt es davon noch jede Menge Anarchos, die genau wie die „klassischen“ ticken, die wären damit auch bzgl. dessen kritisiert.

    Zudem handelt es sich bei dem Text um einen absichtlich kurzen und prägnanten Aufruf, der sich an eine Zuhörendenschaft wendet, die mit Sicherheit antinational, antipatriarchal, emanzipatrorisch und antisexistisch eingestellt ist. Die Voraussetzungen, dass sich diese Personen im gewünschten Sinn organisieren, nämlich sozialrevolutionär und nicht herrschaftsaffirmativ oder gar reaktionär, ist damit gegeben.

    Und vorher sollen sie mit ihren ganzen ehrenwerten „Einstellungen“ (mal unterstellt, dass das stimmt, was Du da von den Zuhörern hälst und mal mitgemacht von meiner Seite, da ich mir nicht sicher bin, ob ich diese „Einstellungen“ teile) dann nicht selbstorganisiert sein? Wieso das denn nicht? Was fügt denn – wenn man den richtigen Inhalt hat, wie gesagt, mal unterstellt, die hätten das – jetzt noch Selbstorganisation hinzu? Waren die Zuhörer vorher mit ihren fremden Inhalten etwa fremdorganisiert? Da hast Du Dich quasi selbst widerlegt: Du hast Dein Konzept der Selbstorganisation dadurch gerettet, indem Du hinten herum Inhalte (anti-sexistisch, anti…) hereingeholt hast. Das ist Schummelei!

    Deine Website: Ist jetzt echt lahm, einfach so eine Hompage als Kritik einzubringen; nicht mal mit einem konkreten Hinweis. Das riecht im übrigen danach, den Anarchismus mal wieder darüber zu retten, dass eine Kritik an ihm ja gar nicht auf alle Spielarten zuträfe…das ist jedoch ein Gegenstandwechsel, da Du gar nicht zur Sache gesprochen hast (Menschenbild etc.). Verlinke doch wenigstens mal einen Text, der den klass. Anarchismus prinzipiell kritisiert und trotzdem noch anarchistisch ist. So kommt das eher als Werbebotschaft an!

  9. 9 eigener ohne eigenthum 06. Juli 2006 um 13:46 Uhr

    Einig ist wohl stark übertrieben.

    Macht- und Herrschaftsbegriff müssen allerdings neu definiert werden, daher der Link. Hier mal nur so:

    „Die Ordnung der Anarchie

    Eine anarchistische Gesellschaft ist keine Gesellschaft, die durch die Abwesenheit von Macht gekennzeichnet ist, sondern die Ordnung einer anarchistischen Gesellschaft ist darauf ausgelegt, daß sich aus umkehrbaren Machtverhältnisse keine starren Herrschaftszustände entwickeln. Nach der Befreiung von den verschiedenen Herrschaftszuständen werden Felder für neue Machtverhältnisse geöffnet, die „dann aber von den Praktiken der Freiheit kontrolliert werden“ (FuS 11) müssen. Macht und Freiheit sind soziale Verhältnisse, die sich einander bedingen, das eine tritt nicht ohne das andere auf. „Macht wird nur auf ‚freie Subjekte‘ ausgeübt und nur sofern diese ‚frei‘ sind. Hierunter wollen wir individuelle oder kollektive Subjekte verstehen, vor denen ein Feld von Möglichkeiten liegt, in dem mehrere ‚Führungen‘, mehrere Reaktionen und verschiedene Verhaltensweisen statthaben können. Dort wo die Determinierungen gesättigt sind, existiert kein Machtverhältnis; die Sklaverei ist kein Machtverhältnis“ (SuM 255). Wo die Freiheit eingeschränkt wird, verwandeln sich Machtverhältnisse in Herrschaftszustände.“
    http://www.postanarchismus.net/texte/keine_macht_fuer_niemand.htm

    Noch:
    „It is this refusal of centralist and hierarchical politics, this openness to a plurality of different identities and struggles, that makes the anti-globalization movement an anarchist movement. It is not anarchistic just because anarchist groups are prominent in it. What is more important is that the anti-globalization movement, without being consciously anarchist, embodies an anarchistic form of politics in its structure and organization1—which are decentralized, pluralistic and democratic—as well as in its inclusiveness. Just as classical anarchists like Bakunin and Kropotkin insisted, in opposition to Marxists, that the revolutionary struggle could not confined or determined by the class interests of the industrial proletariat, and must be open also to peasants, the lumpenproletariat, and intellectuals déclassé, etc, so too the contemporary movement includes a broad range of struggles, identities and interests—trade unions, students, environmentalists, indigenous groups, ethnic minorities, peace activists, and so on.“
    http://www.anarchist-studies.org/article/articleprint/1/-1/1/

    „Newman starts off his text by conflating power and domination. He posits that anarchists oppose power as such, not state power, the power of the church, and the economic exploitation of capitalism, but rather, simply “power.” One wonders how Newman can miss the anarchist calls for “decentralization of power” and the anarchist practices of trade unions, federations, confederations, affinity groups, collectives, syndicates, and credit unions, etc. These are clearly forms of power. Anarchists do not oppose power as such, but rather, as May pointed out, representative power: the exercise of power in the name of someone else. In Foucault’s terms, anarchists oppose domination defined as the codification of the power of one group or individual over another.“
    http://www.newformulation.org/4glavin.htm

  10. 10 MPunkt 06. Juli 2006 um 14:44 Uhr

    “It is this refusal of centralist and hierarchical politics, this openness to a plurality of different identities and struggles, that makes the anti-globalization movement an anarchist movement. It is not anarchistic just because anarchist groups are prominent in it. What is more important is that the anti-globalization movement, without being consciously anarchist, embodies an anarchistic form of politics in its structure and organization1—which are decentralized, pluralistic and democratic—as well as in its inclusiveness.

    Naja, aber das ist doch nur ein weiteres Beispiel für den von mir kritisierten anarchistischen Formalismus, der sich als solcher eben nicht um Inhalte schert: ist doch egal, was die Leute so denken und machen, Hauptsache sie machen es in einer „anarchistic form [!!!] of politics in its structure and organization“. Statt also zu belegen, dass meine Kritik gar nicht auf den ganzen Anarchismus zutrifft (wie RBR richtig festgestellt hat, ohnehin ein Themenwechsel, weil es mit meiner Kritik an der Betonung der Selbstorganisation gar nix zu tun hat), hast Du sogar noch das passende Beispiel dafür geliefert, dass der Anarchismus auch nichts von seinen Fehlern einbüßt, wenn man ein „Post-“ davorklatscht.

  11. 11 soso 06. Juli 2006 um 16:33 Uhr

    Na, dann stimmt ja die Rede wenigstens und ist topaktuell. Immer noch besser, mutualistisch vorzugehen und Leute zu ermuntern, sich gleich und selbst zu organisieren, als auf die postrevolutionäre Diktatur der Partei zu warten oder?

    Ich will hier ja nicht dem Reformismus das Wort reden, das ist doch eher was für Parlamenzarist*innen.

    Andere glucken halt in kleinen Grüppchen rum und lesen graue Hefte, obwohl sie in der Zeit was machen könnten! Auch nicht toll.

  12. 12 RBR 06. Juli 2006 um 18:12 Uhr

    Moment mal:

    1. um „Aktualität“ ging es weder MPunkt, noch mir, sondern tatsächlich um Richtigkeit dessen, was man den Leuten so erzählt. Und jetzt tu‘ mal nicht so, als ginge es darum, richtiges Zeug als Selbstzweck zu erzählen und andere zu verbessern…nein, es geht darum, dass man – wenn man dann mit den Resultaten der Analyse über den Laden an die Öffentlichkeit tritt – den Leuten richtiges erörtert und nicht Quatsch-Zeug. Anders gesagt: Wenn man Quatschzeug in „mutualistischer Vorgehensweise“ erzählt, wo soll das denn hinführen? Merkst Du wieder die Inhaltsleere, die in „Mutualismus“ drinnen steckt genau wie in „Selbstorganisation“?
    Und wieso soll man richtiges Zeug nicht selbstorganisiert erzählen? Meinst du, ich mach das ferngesteuert?!

    2. Dem Reformismus hat bisher niemand das Wort geredet, verstehe ich nicht, was Du da meinst … ebenso nicht dem Parlamentarismus oder dem Zarismus.

    3. „In Grüppchen hocken und graue Hefte lesen“ soll etwa „nichts machen“ sein? Wie das denn? Und ein bisschen hocken und sich in Ruhe Erkenntnis über den Laden verschaffen ist übrigens auch angesagt, weil man sonst nämlich Fehler machen kann und dann läuft vielleicht einiges schief, was man sich sonst hätte ersparen können.

    Im übrigen kenne ich niemand, der nur graue Hefte liest und sonst passiv rumhockt und auf was wartet wie eine Diktatur des Proletariats. Jemand der graue Hefte liest, tut regelmäßig einiges, um als argumentiv geschulter Mensch andere von den richtigen Erkenntnissen der grauen Hefte zu überzeugen, damit sich mal was verändert.

  13. 13 necator 20. Juli 2006 um 15:51 Uhr

    will nun gar nicht auf einzelne Punkte eingehen… möchte nur mal anmerken, dass ich die Trennung zwischen Anarchismus und Kommunismus völlig überholt finde. Das hat sicherlich mal Sinn gemacht, aber kenne keine ernstzunehmenden Kommunist_innen die noch Diktatur und Staat anstreben… Anarchisten die meinen ohne Staat ist plötzlich alles gut gibts leider noch ein bischen mehr… aber letztlich sollte mensch sich aller freiheitlichen kritiker und Theoretiker bedienen und das gute rausnehmen und den rest Geschichte sein lassen… die spaltung in Anarchisten_innen und Kommunisten_innen verhindert nur eine Diskussion an der Sache.

  14. 14 Selbstorganisator 27. Juli 2006 um 1:02 Uhr

    Ach noch für alle, die wie MPunkt nicht wissen, was Selbstorganisation ist, sei die berühmte Referenz Wikipedia empfohlen!
    (über den Namen anklicken)

    Nur als Auszug:

    Redundanz: In selbstorganisierenden Systemen erfolgt keine Trennung zwischen organisierenden, gestaltenden oder lenkenden Teilen. Alle Teile des Systems stellen potentielle Gestalter dar. Eine Hierarchie entfällt dadurch.

    Dass das System der Selbstorganisation dem eines Führerprinzips widerspricht, dürfte jeder erkennen.

  15. 15 MPunkt 27. Juli 2006 um 8:05 Uhr

    Meine Kritik an der anarchistischen Gleichung Selbstorganisation = automatisch toll war zwar überhaupt nicht, dass Selbstorganisation ein Führerprinzip darstelle, aber okay: Hauptsache, Du hast mal was gemeint …

  16. 16 tee 31. August 2006 um 1:20 Uhr

    anarchistische gleichung, m-punkt?
    wenn deine kritik an der SELBSTorganisation („genauer: an der betonung ihrer als entscheidendes kriterium“) gar nicht auf den ganzen anarchismus zutrifft, dann nenn die gleichung doch nicht anarchistisch, denn sie ist länger als die beiden zeichen, die das = (oder doch > oder

  1. 1 MPunkt Trackback am 25. Juni 2006 um 15:18 Uhr
  2. 2 MPunkt Trackback am 09. Juli 2006 um 9:45 Uhr
  3. 3 MPunkt Trackback am 19. Juli 2006 um 11:17 Uhr
  4. 4 MPunkt Trackback am 18. August 2006 um 18:35 Uhr
  5. 5 Neues von anarchistischen foederation berlin // anarchistische föderation Pingback am 30. August 2006 um 16:18 Uhr
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