Das Moment der Anarchie

Die Menschheit ist ihr größter Feind. Ein Spontispruch aus den 80er Jahren geht so: „Kann mal jemand die Welt anhalten? Ich möchte aussteigen!“. Dieser Weg ist aber noch nicht frei. Eine Marskolonie ist mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit in den nächsten 200 Jahren entstanden; erste Kuppelanlagen womöglich mit ausreichend Platz für Tätigkeiten, Regeneration und Bioplantagen. Umgeben sein wird das ganze mit gigantischen Terraforming-Anlagen, die die CO2-Polkappen des Mars zum Schmelzen bringen sollen. Wie wird diese Kolonie organisiert sein? Mit einem Chef, der Anweisungen gibt und dafür die Gesamtverantwortung trägt? Mit Leuten, die keinen Bock haben und Dienst nach Vorschrift machen, wenn sie es nicht schaffen, sich krankzumelden?

Oder werden dort nur äußerst spezialisierte Fachkräfte sein, die ihren Job beherrschen, gern machen und vernünftig zusammenarbeiten? In Teams, die verzahnt miteinander kooperieren, sich nicht gegenseitig behindern? Vernünftige, gewaltfreie Menschen, gewohnt, kritische Situationen mit Distanz zu meistern, Probleme in vernünftiger, sinnhafter Weise zu lösen und Konflikte in gegenseitigem Anerkennen? Die Differenzen aushalten und auf körperliche und mentale Defizite mit Verstand reagieren? Die gleichberechtigt Entscheidungen treffen und tun, was sinnvoll ist, nicht was ihnen wer befiehlt? Wohl eher letzteres.
Das wäre dann Anarchie. Herrschaftsfreiheit. Die Utopie, von der immer geredet wird, wenn das Wort Anarchismus fällt, das im antiken Griechenland zuerst gedacht wurde, zur gleichen Zeit, als Logos und Ratio, die Vernunft erfunden wurde. Als die Götter dekonstruiert wurden und, wenn sich ein Dramatiker erbarmte, noch einen Platz auf der Bühne als Sinnbild menschlicher Wesensarten erhoffen durften. Anarchie war dort gedacht als Zustand führerloser Seeleute, auch Sklaven ohne Halter; ein mehr gefürchteter Zustand als ein erwünschter.

Der Begriff war aber in der Welt und sollte nicht mehr zu vernichten sein; zugleich mit Republik, Demokratie, Politik und Gymnasium und dem Atom. Es war die Zeit, als im Mittelmeer gierig in alle Richtungen geglotzt wurde, die Schleier der selbsterschaffenen Überwesen mit Witz und Esprit hinweggefegt wurden. In der Zwischenzeit gab es auf anderen Kontinenten schon lange Gemeinschaften mit kommunaler Selbstverwaltung – der Basis anarchistischer Organisierung – und Gemeineigentum an Boden und Produktionsmittel, die alle durch die Kolonisierungen der Neuzeit zerstört worden sind.
Über Jahrtausende führte dann Anarchie ein Schattendasein in den hintersten Winkeln verstaubter Bibliotheken, die nur ausgewählten Eliten zugänglich waren. Bis er im 19. Jahrhundert n.Z. wieder gefunden wurde, vergingen 2.000 Jahre, in denen in Europa Herr-Knecht-Kulte unhinterfragt dominierten, Götzendienste und magische Rituale Ordnung und Stabilität bringen sollten und trotzdem grausamste Brutalität, Vernichtungsorgien und Gewalttätigkeiten das Bild des Menschen von sich selbst prägten, in dem er sich heute noch erkennt und von dem er nicht lassen will. Für etwas Höheres zu sterben mag ihm wie eine Erlösung sein, verschiedene Jenseitse locken mit Wunscherfüllung auch der ausgefallendsten Fantasien. Und was bietet der Anarchismus nach dem Tod? Bei sich selbst sein. Auf sich selbst zurückgeworfen sein. Was biete er im Leben? Ein Teil der Menschheit zu sein, ein Individuum, ein Gleich von 6 oder bald 9 Milliarden. Traurig mutet diese Verheißung, die keine ist, auch gegen die Verführung des Diesseits an: Macht über andere, Schicksale zu bestimmen, Berge zu versetzen, unsterblich zu werden wenn auch als schauderhafte Romanfigur. Wer ist berühmter? Dracula oder Goldman? Nero oder de la Boetie? Wer hat mehr Anhang?

Anarchie ist oft das Bild der Zerstörung, des Chaos, der Vernichtung. Diesen Keim trägt die Anarchie in sich. Wie die Demokratie sich in Diktatur wandelt und wieder zurück, kann sich Freiheit in Faustrecht wandeln. Anarchie fordert mehr von der Menschheit als laissez-faire, Triebhaftigkeit, Frömmigkeit, Egoismus und passive Unterordnung. Sie fordert Vernunft.
Sie lässt nicht los vom Mensch und zwingt ihm ein Korsett über; denn obwohl sie Fahne der Freiheit schwingt, hängt an ihren Rockschößen der ganze Rest des elenden Gewürms, der der Gattung Mensch angehört und fordert Aufmerksamkeit, und hinterher trappeln noch die Tiere, die blöken und kreischen und gackern und auch noch Rechte fordern, weil sie nicht leiden wollen. Anarchie ist ein globales Projekt. Es ist nicht das Projekt der Weltrevolution mit teleologischer Ausrichtung, sie verkündet nicht das Ende der Geschichte, wie es Kapitalismus und Kommunismus tun. Sie ist der Rattenschwanz der Aufklärung, das Kind der Republik. Sie flüstert von Veränderungen, von Gemeinschaft und Individualität. Sie lockt mit süßer Zunge und verspricht all das, was die Menschen ersehnen: bei sich zu sein. Nicht Humankapital, nicht Kanonenfutter, nicht Stimmvieh und am allerwenigsten die Fremde. Anarchie macht das Riesenfass der Kultur und der Zivilisation auf. Sie okkupiert das Internet, das doch eigentlich das Militär erfand. Sie nimmt sich die Schrift, die die Priester ersannen. Sie krallt sich die Sprache und giert nach Technik und Naturverbundenheit, nach Technologie und Nachhaltigkeit zugleich. Sie schwadroniert von absoluter Friedfertigkeit und hat doch keinen Respekt vor den althergebrachten gewachsenen Strukturen, sie will sie zerstören. Sie plappert und plappert und plappert und wenn der Kopf voll ist, dröhnt es noch nach. Anarchismus ist der Schrei nach Vernunft.
Anarchismus ist dabei auch mehr als Utopie und Schwärmerei, denn anarchistisch organisierte Gebiete entstanden tatsächlich schon einige Male:

Es gab die Pariser Kommune von 1871 ,die Rebellion von Kronstadt 1921, den Aufstand in Patagonien im selben Jahr, zeitgleich die Machno-Bewegung in der Ukraine 1917-1922, die Kommune von Shanghai 1925 und weite Gebiete während des spanischen Bürgerkrieges 1936-1939. Mindestens im weitesten Sinne anarchistisch sind auch die Kibbuz-Bewegung seit 1910, der Mai 1968 in Frankreich, die Freiraum-Bewegung in Europa seit 1983, die Kämpfe der Magonistas und Zapatistas seit 1994 und die namenlose Bewegung in Argentien seit 2003 mit schon 200 Produktionsstätten in Selbstverwaltung!

Es gibt verschiedene Strömungen: Anarchafeminismus, Anarchokommunismus, Anarchosyndikalismus, Individualanarchismus, Ökoanarchismus, Anarchoprimitivismus, libertären Sozialismus und strömungslosen Anarchismus, um nur wenige zu nennen.
Sie alle sind eigene Texte wert und sind doch der selben Denkschule angehörig, die nichts weiter ist als die abstrakteste Form der Kulturwissenschaft. Menschliche Gesellschaft ist Kultur, Anarchismus ist der Versuch, sie zur höchsten Blüte zu treiben, um im nächsten Jahr der Knospe der Vernunft den größtmöglichen Freiraum zu gewähren. Anarchismus ist die Lehre des Ich und des Wir, des Lebens mit dem Tode, des Selbst und des Anderen und strebt die weitestgehende Vervollkommnung der Menschheit an, auf Basis dessen, was er ist und welchen Potentials ihm innewohnt. Anarchismus bezieht sich auf antike Gemeinschaften, auf alte politische Kulturen aller Kontinente und beruht auf immer auf dem neuesten Stand der Erkenntnisse. Anarchismus ist sehr jung. Es ist die allerjüngste politische Idee. Gebt der Menschheit eine neue Chance – die Anarchie.

Das Moment der Anarchie zum Ausdrucken (pdf)

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7 Antworten auf “Das Moment der Anarchie”


  1. 1 Thomas 01. Januar 2008 um 23:15 Uhr

    Richtig. Mit Horst Stowasser gesagt: Anarchie ist die höchste Form der sozialen Ordnung.

  2. 2 The_Red_Sparrow 02. Januar 2008 um 0:23 Uhr

    @ Thomas:

    Wie hoch denn? 4 m? tzz

  3. 3 machnow 02. Januar 2008 um 13:38 Uhr

    es gab auch vor 1871 und danach einiges mehr an anarchistischen experimenten, die sich jedoch zumeist außerhalb der städte als aussteiger kommunen organisierten. zum beispiel die kolonie modern times in der nähe von new york von 1851 bis circa 1866. auch die anarchistische bewegung in italien bis heute aktiv ist nicht zu verachten…

  4. 4 Thomas 02. Januar 2008 um 14:11 Uhr

    @The_Red_Sparrow: Was soll das Gelaber? Kannst du kein Deutsch?

  5. 5 The_Red_Sparrow 02. Januar 2008 um 18:06 Uhr

    @ thomas:

    Ja, kann ich. Merkst du nicht, dass in „höchste Ordnung“ völlig das Maß fehlt?! Worin ist denn die Anarchie „hoch“? Und überhaupt, was soll das für ein Vorteil sein, wenn die Ordnung „hoch“ ist oder die „höchste“? Die „Vervollkommnung“ der Menschheit ist genau so eine blödsinnige Abstaktion…worin denn vollkommen.

    Ich dachte ja immer, dass eine Ordnung dann gut ist, wenn sie mir und den anderen Mitgliedern nutzt. Da ist doch wurscht, ob so ein paar schöngeistige Anarchos ein Loblied darauf ausdenken…wenn so eine Ordnung nix taugt, kann sie noch so hoch sein.

  6. 6 Thomas 03. Januar 2008 um 1:20 Uhr

    Mit Ordnung meine ich nicht Kontrolle, sondern dass sich Menschen nicht gegenseitig umbringen und, wenn möglich, sich respektieren und gut zusammen leben. Möglichkeiten Ordnung zu schaffen gibt es viele. Entweder totalitär (1), autorität (2), repräsentativ demokratisch (3) oder eben anarchistisch (4). Mit 4 m lagst du gar nicht so falsch. ;-)
    Die „höchste“ Ordnung ist es deswegen, weil es freiwillig geschieht. Und hoch ist die Ordnung bzw. das Zusammenleben, weil es eben was nützt und taugt, sonst wäre sie niedrig (also 1 bis 3).

    Das ist natürlich theoretisches Gefasel. Aber immerhin kann man damit Anarchie vom Chaos abgrenzen und einem Missverständis vorbeugen. Neulich in der Tagesschau: „Nach den Wahlen herrscht in Kenia Chaos und Anarchie…“

    Wenn du auch in Berlin wohnst bist du gerne zu unserer Lesereihe zum Anarchismus eingeladen. Dabei geht es hauptsächlich um den praktischen Bezug. Dort diskutiert es sich auch besser.

  1. 1 Sagen des klassischen Altertums | Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 02. Januar 2008 um 0:04 Uhr
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