Anarchistische Buchmesse in Slowenien – ANAЯH

Ein Erfahrungsbericht aus Trbovlje

Von jt (afb)

Die slowenische Föderation für anarchistisches Organisieren (FAO) organisierte vom 13. bis 15. Mai 2011 in der ca. 50 Kilometer von Ljubljana entfernten Kleinstadt Trbovlje ihre erste anarchistische Buchmesse. Zum einen sollte mit der Durchführung eines anarchistischen Events außerhalb der Hauptstadt die Bewegung in der Region gestärkt werden, zum anderen wird damit die 2003 mit der ersten Balkan Bookfair begonnene Tradition anarchistischer Buchmessen in Slowenien fortgesetzt.

ANARH

Erste Eindrücke

Es war zunächst eine Handvoll Aktivist_innen der FAO, die am Freitagmorgen im Foyer des Arbeiter_innen-Heims „Delavski Dom“ in Trbovlje mit dem Aufbau der Messe beschäftigt war: Tische wurden zurechtgerückt, historische Plakatwände mit unzähligen Fotographien und alten und neuen Dokumenten liebevoll zusammengestellt. Die Buchmesse begann offiziell erst am späten Nachmittag, weshalb sich bis zum Mittag nur wenige Besucher_innen zeigten: ein Mitglied der französischen Federation Anarchiste (mit einer kleinen Bibliothek angereist), ein dänischer Hitchhiker, den es von Österreich hierher verschlagen hatte, sowie meine Wenigkeit (ausgestattet mit einer Auswahl an Dokument As der Anarchistischen Föderation Berlin – Gǎi Dàos hatte ich leider nicht zur Hand…). Anfangs gab es dementsprechend nur wenige Buchstände, was sich im Laufe des Freitags und bis Sonntag jedoch noch ändern sollte.

Die Organisator_innen bemühten sich, die Gäste aus aller Welt in der Nähe des Messeortes unterzubringen – insgesamt hatten sich mehr als 50 Personen angekündigt – doch in Trbovlje selbst erwies sich das als schwierig: Eigene Räume besitzen die Genoss_innen vor Ort nach einem Wasserschaden bei ihrem Nachbarn nicht mehr, doch außerhalb der eigenen Strukturen ist es schwierig, Schlafgelegenheiten zu finden. Und das obwohl – wie die Orga-Crew uns gegenüber betonte – die Bevölkerung gerade in Trbovlje der Buchmesse, aber auch dem Anarchismus überhaupt ein überdurchschnittliches Wohlwollen entgegenbringt. Das hat in allererster Linie mit der überaus kämpferischen Tradition des kleinen Industriestandorts zu tun, wo sich beispielsweise bereits 1924 eine entschlossene Menschenmenge einem Aufmarsch von Faschisten entgegenstellte, die zur Einschüchterung von Gewerkschafter_innen herbeigerufen worden waren. Bei der nachfolgenden Auseinandersetzung war es zu Toten auf beiden Seiten gekommen.

Trbovlje und der Kampf gegen Lafarge

Aber auch heute gibt es wahrlich genug Gründe zum Aufbegehren. „Lafarge tötet“ steht auf Slowenisch an einer Mauer neben der Landstraße, die nach Trbovlje führt. In Schlangenlinien geht es mitten durch eine äußerst hügelige und nicht wenig an die Schweiz erinnernde Landschaft mit lauter kleinen Tälern. Doch am Ortseingang werden Besucher_innen dann von einem hingeklotzten Werk des französischen Konzerns Lafarge empfangen. Der weltweit führende Baustoffhersteller hatte 2002 die bereits seit Jahrzehnten bestehende Zementfabrik in Trbovlje übernommen. Im Laufe der nächsten Jahre entließ der Konzern etwa die Hälfte der Belegschaft und erhielt in 2005 die Erlaubnis, das Werk auch zur Müllverbrennung zu nutzen. Daraufhin stieg die Menge verbrannter Abfälle rasant an, so dass etwa zwei Drittel der Gewinne des Standortes aus der Müllverbrennung stammen. Doch die Folgen konstant ignorierter Grenzwerte bei toxischen Rückständen auf Umwelt und Bevölkerung ließen nicht lange auf sich warten. Die Kontaminierung der Gegend und die Gesundheitsprobleme der ansässigen Bevölkerung nahmen ein solches Ausmaß an, dass mit EKO CROQ eine Initiative (mit ca. 200 Mitgliedern) gegründet wurde, die dem Treiben ein Ende bereiten sollte – mit Erfolg, vorerst jedenfalls. Im März 2011 untersagte ein Gericht dem Konzern Lafarge die weitere Verbrennung von Abfällen im Werk. Dennoch brauchte das Unternehmen geschlagene zwei Wochen, bis es tatsächlich damit aufhörte. Die weitere Entwicklung des Falls ist noch offen.

Doch nicht nur der Einfluss der französischen Firma ist unübersehbar. Am Ortseingang (und dann alle 500 Meter) weisen Werbebanner auf die Existenz von gleich drei Supermarkt-Discountern hin, die – wie sollte es anders sein – allesamt deutsche Unternehmen oder Subunternehmen sind: Spar, Lidl und Hofer (Aldi-Süd).

ANAЯH / HRANA – Anarchie und Essen

Zur Vorbereitung des Events gehörte auch das Aufhängen eine großen Transparents vor dem Eingang des Arbeiter_innen-Heims mit dem Motto der Veranstaltung: „Dnevi avtonomne politike in kulture – ANAЯH – Proti diktaturi kapitala“ (dt.: Tage autonomer Politik und Kultur – ANAЯH – Gegen die Diktatur des Kapitals). Das Plakat bzw. das Motto sind in vielfältiger Weise interessant: Der Begriff ‚ANAЯH’, bei dem das ‚R’ falsch herum steht, steht neben der sprachlichen Wurzel für alle anarchistischen Begrifflichkeiten im Slowenischen, auch für den Titel eines unvollendeten Werks von Srecko Kosovel. Dieser bereits als 24-Jähriger zwischen den beiden Weltkriegen verstorbene slowenische Dichter, der mittlerweile als nationale Kulturikone gehandelt wird, aber durchaus anarchische Tendenzen aufwies, wählte diesen Namen aus verschiedenen Erwägungen heraus, unter anderem, weil es mit dem falschen R zu einem Lesen in die andere Richtung verleitet: HRANA, was „Essen“ bedeutet. Passenderweise wurde direkt unter dem Transparent auch die Vokü für die Veranstaltung aufgebaut. Organisiert wurde diese von einer anarchistischen Gruppe aus dem Ort Koper, den Essenswagen erhielten sie jedoch von der örtlichen Feuerwehr. Diese unterstützt seit Jahren auch die zahlreichen „Food not Bombs“-Aktionen in Trbovlje durch ihre kostenlose Bereitstellung eines mobilen Kochwagens sowie verschiedener Zelte. „Gegen die Diktatur des Kapitals“ war darüber hinaus auch das Motto einer Politreihe der FAO, die in der Bevölkerung großen Anklang gefunden hatte.

ANARH-Eingang

Zufällige Besucher_innen und weitere Aussteller_innen

Überrascht oder auch kritisch – es war stets interessant, die Mienen von Leuten zu beobachten, die beinahe im Minutentakt zu einem Bankautomaten in einem Nebenraum des Foyers kamen. Überhaupt war die Wahl der Räume sehr gelungen. Im Grunde genommen handelt es sich bei „Delavski Dom“ um ein kleines Kongresszentrum mit einem Kinosaal und weiteren großen Räumen, mit viel Platz für Aussteller_innen und Infowände. Parallel zur Buchmesse fanden in den Räumen auch reguläre Kinoveranstaltungen sowie eine Ausstellung von Künstler_innen im Seniorenalter statt. Deren Besucher_innen waren nun unmittelbar mit der Buchmesse, den Ständen und den großen antikapitalistischen oder antifaschistischen Transparenten im Foyer konfrontiert. Und das war durchaus Teil des Konzepts.

Bis zum frühen Freitagnachmittag waren auch verschiedene Kleinstverlage/Gruppen aus dem Balkan dazugekommen, unter anderem aus Slowenien und Kroatien. Angekommen war aber auch eine Gruppe von Frauen der holländischen EYFA-Gruppe (European Youth For Action), die zurzeit in Europa auf Tour sind und Workshops zu den Themen Kampagnenarbeit, Gruppenarbeit und Konsensentscheidungen durchführen. Direkt nach der Buchmesse bot die Gruppe in der Hauptstadt Ljubljana etwa 30 Aktivist_innen aus Osteuropa einen einwöchigen Kurs zum Thema Konsensentscheidungen an.

ANARH-Stand

Ebenfalls mit einem Stand auf der Buchmesse präsent war die zur IAA gehörende Anarchosyndikalistische Initiative (aus Serbien). Vertreten wurde die ASI von Ratibor, einem der so genannten Belgrad Six, der sich sofort für die großartige Unterstützung bedankte, die ihm und seinen fünf Genoss_innen damals auch von deutschen Gruppen zuteil geworden war. Die sechs Aktivist_innen waren vom serbischen Staat 2009/2010 unter dem Vorwand, eine terroristische Vereinigung gebildet zu haben, sechs Monate in Untersuchungshaft gehalten worden, erstinstanzlich jedoch freigesprochen worden (mehr dazu in einem Interview, das hoffentlich in einer der nächsten Gǎi Dàos erscheinen wird).

Selbstverwaltung als eines der Hauptthemen

Bei der ersten Diskussionsveranstaltung am Freitagabend fanden sich ca. 70 Leute zu einer spannenden Diskussion ein, zu der verschiedene Vertreter von (zum Großteil nicht-anarchistischen) Gruppen eingeladen worden waren, deren gemeinsames Merkmal die Selbstverwaltung ist: ein Vertreter von EKO CROQ, die gegen Lafarge kämpft, ein Vertreter der Gruppe „Invisible Workers of the World“ (IWW, ein Selbstorganisierungsansatz migrantischer Arbeiter_innen in Slowenien) sowie ein Vertreter einer studentischen Gruppe. Mit einer Flüsterverdolmetschung kümmerten sich drei Dolmetscher_innen um Gäste ohne Slowenisch-Kenntnisse. Da ich zu ECO CROQ bereits etwas geschrieben habe, hier noch ein paar interessante Eindrücke zu IWW: Eine der wichtigsten Rahmenbedingungen für Arbeitsmigrant_innen in Slowenien (und die stammen hauptsächlich aus den anderen Staaten Ex-Jugoslawiens) ist die rigorose Visa-Regelung. Die Vergabe von Visa ist an die jeweilige Arbeitsstelle gebunden, sprich: Verliert die Person ihre Arbeit, verliert sie auch ihr Visum. Diese Regelung öffnet einer uneingeschränkten Ausbeutung natürlich Tür und Tor. Das ist auch der Grund, warum ein organisiertes Vorgehen gegen diese Situation dringend erforderlich ist. Erst nach einem Hungerstreik 2010 änderte sich die Situation ein wenig – der Staat achtet besser auf die Arbeitsbedingungen. Doch dabei will es IWW nicht belassen, es geht ihnen nicht allein um die Arbeitsbedingungen, es geht ihnen auch um die Einbindung in von Arbeitsmigrant_innen in die Gesellschaft insgesamt.

Im Anschluss an diese Veranstaltung konnten Interessierte den Ken-Loach-Film „Land and Freedom“ zur Spanischen Revolution im Kino sehen.

Workshops und Kultur am Samstag

Der zweite Tag zeichnete sich durch eine rege Beteiligung an den Angeboten und einem sehr vielfältigen Programm aus. Doch der Tag ging auch nicht völlig konfliktfrei über die Bühne. Am Vormittag und am frühen Nachmittag gab es verschiedene Workshops (unter anderem zu essbaren Wildpflanzen in der Stadt und einem Gespräch unter Frauen ohne Tabus) sowie einen Austausch zu kollektiven Anbauformen. Den vorläufigen Höhepunkt der Messe bildete der Auftritt des Männerchors „Zarja“, der ununterbrochen seit den 1930ern existiert und deren Mitglieder zum Teil im Partisanenkampf von den Nazis umgebracht wurden. Seine Mitglieder – allesamt Männer im Alter von 60+ – gaben Revolutionslieder auf Slowenisch zum Besten.

ANARH-Chor

Konflikt am Samstagabend

Bei der abschließenden Diskussion zum Thema „Anarchismus oder Barbarei: Gibt es wirklich keine Alternative zum Kapitalismus?“, bei der es um ganz konkrete Projekte und Erfahrungen gehen sollte, saßen fünf Männer auf dem Podium: ein Moderator und vier Mitglieder verschiedener Föderationen oder Gruppen aus ganz Europa. Die Diskussion wurde auf Englisch geführt und es waren sehr viele Menschen aus anderen Ländern im Saal anwesend. Nachdem alle Podiumsmitglieder ausführlich Zeit gehabt hatten, ihre Statements abzugeben und sich bereits eine kurze Diskussion entwickelt hatte, eskalierte die Situation plötzlich, als eine Frau aus dem Publikum die Frage formulierte, ob die auf dem Podium sitzenden Redner angesichts der offensichtlich sehr männlich dominierten Diskussion denn darüber berichten könnten, welche Erfahrungen sie in ihren Gruppen/Föderationen mit dem Thema verschiedener Identitätskonzepte gemacht hätten, wie sie mit Genderfragen generell umgehen würden und ob ihren Gruppen diese Problematik bewusst sei und die Frau darauf von einem Mann auf dem Podium eine sehr aggressive Antwort erhielt . (Bemerken möchte ich an dieser Stelle, dass dies eine sehr vereinfachende Darstellung der Situationsentwicklung darstellt und die verschiedenen Nuancen außer Acht lässt, die zum Teil mit für die Eskalation verantwortlich waren.) Sinngemäß erklärte er (mit sehr lauter Stimme), dass er sich von dieser Art Frage angegriffen fühle. Solche Fragen seien völliger Unsinn und sie würden als typischer postmodernistischer Quatsch ignorieren, dass Sexismus, Rassismus und andere Formen von Diskriminierung das Ergebnis der bestehenden kapitalistischen Gesellschaft seien und ihre Bekämpfung daher auch Teil des antikapitalistischen Kampfes sei.

Auf diese Situation wurde zunächst mit dem Abdrehen des Mikros reagiert und die Diskussion durch verschiedene Interventionen seitens des Moderators aber auch anderer Personen aus dem Publikum nach einer Weile wieder in eine sachlichere Ebene überführt. Anschließend erhielten alle die Möglichkeit, ihre Positionen noch einmal ausführlicher zu erklären. Die inhaltliche Diskussion zum ursprünglichen Thema der Veranstaltung wurde danach nochmals angerissen, aber bald zu einem Ende geführt. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion war die Eskalation das meistbesprochene Thema in den vielen kleinen Gesprächsgruppen, die sich spontan bildeten. Auch die unmittelbar an der Auseinandersetzung beteiligten Personen kamen zu einem gemeinsamen, privaten Gespräch zusammen, bei dem (zum Teil mit Methoden aus dem Mediationsbaukasten) verschiedene ungünstige Einflussfaktoren identifiziert wurden, und wo beiden Seiten, aber auch den Veranstalter_innen Fehler unterlaufen waren bzw. wo es schlichtweg auch Missverständnisse gegeben hatte, die die Situation zusätzlich angeheizt hatten. Inhaltlich kam es schließlich nicht wirklich zu einer Einigung, aber wenigstens auf der persönlichen Ebene konnten die aus der Veranstaltung herrührenden Unstimmigkeiten ausgeräumt werden. Zur Ehrenrettung der Veranstalter_innen soll hier auch erwähnt werden, dass insgesamt drei Frauen als Rednerinnen fürs Podium eingeladen worden waren, die ihre bereits gegebene Zusage jedoch aus unterschiedlichen Gründen kurzfristig wieder zurückgezogen hatten. Eine Thematisierung dieser Umstände bereits zu Beginn der Veranstaltung wäre sicher sinnvoll gewesen.

Der Samstag endete dann mit einer Party. Zwar war die Tanzfläche drinnen eher spärlich besucht, dafür feierten die Gäste draußen vor dem Zentrum umso ausgelassener und zum Teil bis zum frühen Morgen.

Stadtgeschichte und Abschluss am Sonntag

Am Sonntag stand zunächst eine politische Stadtführung auf dem Programm. Aufgrund der langen Nacht verschob sich der Start ein wenig, aber leider regnete es auch zum ersten Mal während der Messe, was zu einer verkürzten Route führte. Ein besonderes Highlight: der Besuch eines lokalen Kleinstmuseums, in dem ein Mitarbeiter des Museums den Gästen von ANAЯH zwei Wohnungen von Bergarbeiter_innen zeigte, eine aus den 1920er-Jahren und eine aus den 1960ern und von den damaligen Lebensbedingungen erzählte.

ANARH-Museum

Beim Abschlussplenum wurden zwar einige wichtige Fragen aufgeworfen, doch richtig bei Kräften war dann niemand mehr, so dass die Formulierung einer gemeinsamen Erklärung zur Buchmesse vertrauensvoll in die Hände der FAO gelegt wurde, die für ihre Organisation des Events von den meisten Leuten gelobt wurde und sich im Gegenzug bei den Zugereisten für ihre Teilnahme bedankte.

Kritisch sollte noch angemerkt werden, dass die tatsächliche Einbindung weiterer lokaler Gruppen, aber auch der Bevölkerung nicht in dem Maße funktionierte, wie es sich die FAO und wohl auch die meisten Besucher_innen gewünscht hätten. Eines steht dennoch bereits fest: Die FAO möchte von nun an jährlich eine anarchistische Buchmesse an wechselnden Orten in Slowenien durchführen. Und wir wünschen dabei gutes Gelingen!

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